Die heutige Welt des Stalkens…

Ist euch schon mal aufgefallen, dass Stalken mittlerweile zum alltäglichen Leben gehört? Und wir es zwar verfluchen, aber dennoch hinnehmen oder meist selbst Stalker sind? Dass wir immer mehr in die Selbstdarstellung verfallen und auf Likes und dergleichen unser Selbstbewusstsein definieren? Findet ihr das nicht auch furchtbar? Ja, sagen sicher die meisten – außer die mit den meisten Likes ;). 

Gestern habe ich mich mal wieder mit einer Freundin über das Thema unterhalten. Indirekt. Denn eigentlich ging es um ihren potenziellen neuen Freund. Er hat einen Tag nicht geantwortet! Verzweifelt erzählte sie mir, dass er doch die Nachricht 5 Minuten später schon gesehen hatte. Warum SCHREIBT ER NICHT ZURÜCK? Die zwei Minuten kann er doch Zeit haben… MUSS er Zeit haben. Natürlich wurde er gleich auf allen möglichen Kanälen gestalkt. Vor einer Stunde war er auf Instagram, bei Facebook hat er auch in der Zwischenzeit zwei Videos geteilt. Meine neue Story auf Whatsapp hat er sich aber auch noch nicht angesehen. „Warum tut er mir das an? Jetzt kann ich wieder auf die Suche nach meinem Traumprinzen gehen…“

Wortlos saß ich ihr gegenüber. Ich konnte sie verstehen. Sie waren gerade in der Kennenlernphase. Alles ist frisch, man sieht rosarote Elefanten (oder war das was anderes) und schwebt auf Wolke sieben…. und heutzutage  ist es eben „normal“ , dass man gleich antwortet und sich online korrekt verhält. Es gehört mittlerweile zum „Beziehungskodex“ dazu.

„Ich war gestern Abend so sauer auf ihn, da hab ich bei Tinder nach neuen Matches gesucht.“ So schnell kanns gehen und der Traummann hat sich das „Traum“ verspielt. Neue potenzielle Partner stehen ja schon zum „wischen“ bereit. „Eigentlich schade“, dachte ich. Zwei Monate lang sah ich sie immer mit einem Lächeln im Gesicht und nur wegen eine Nachricht, die NICHT geschickt wurde soll es das gewesen sein? (Er hat sich dann später natürlich gemeldet, aber den ersten Strike hatte er definitiv auf der Liste).

Manchmal denke ich mir schon, diese ganze neue digitale und vor allem „social“ Welt leistet doch auch einen beträchtlichen Teil dazu bei, dass wir uns noch unsicherer fühlen, lässt uns aber gleichzeitig abstumpfen. Wenn der eine nicht passt, wird gleich der nächste gesucht.

Ich bin selbst seit einigen Monaten wieder Single und noch in der „neutralen Phase“. Dh. die alte Beziehung ist gegessen, will aber noch nicht wirklich gleich etwas Neues angehen, sondern mal die „Ruhe vorm Sturm“ genießen. Ich glaube auch deswegen bin ich gerade die perfekt Anlaufstelle für meine Freunde/innen für solche Beziehungsprobleme.

Nur leider stelle ich eben mit Schrecken fest, dass durch die eingeschlichene Stalkmöglichkeiten, Beziehungen immer mehr aushalten müssen, bzw. Drang der Selbstdarstellung bei manchen eine höhere Priorität als der Partner einnimmt. Bei der jüngeren Generation ist es noch viel schlimmer… „digital Natives“ definieren sich ja fast nur mehr über likes & Co. Ja, auch wenn es ein oft verwendeter Satz ist, aber ich bin froh in einer digitalen Steinzeit aufgewachsen zu sein – sage ich, die Berufs-Onlinerin!

Ja, ich nutze selbstverständlich auch Social Media Plattformen. Am liebsten – sieht man hier auch – Instagram. Man lernt auch viele Leute mit denselben Interessen kennen, findet sogar neue Freunde deswegen. Fotos von traumhaften Landschaften, Orten, Werken, Erlebnissen, Essen etc. mit netten Filtern zu verfeinern und mit der Welt zu teilen klingt ja an sich recht nett und harmlos.

Aber auch hier findet man genug Selbstdarsteller. Es kann natürlich jeder machen was er will, aber Accounts mit fast ausschließlich Selfies (am Besten noch in der Mukki-Bude oder beim angesagtesten Event) schreit ja schon fast nach „Ich brauche Aufmerksamkeit“. Mir entgeht einfach der Sinn eines zwanzigsten Selfies in der selben Pose. Ich schweife mal wieder ab. Wir (oder ich) wollen ja übers Stalken reden.

Letztens hatte ich wieder eine neue Art des Stalkens erkannt, das „genötigte Stalken“. Bewusst wurde mir das, als ein guter Freund zu mir sage, er „stalke“ immer noch seiner Ex hinterher. Ungewollt. Die Beziehung ging vor über einem halben Jahr in die Brüche und er erholte sich nur schwer davon. „Kein Wunder“, meinte er, „egal wo ich (im Internet) unterwegs bin, ich sehe alles was sie tut.“ Ich konnte das nur allzu gut nachvollziehen. Früher konnte man sich, wenn es aus war, zurückziehen. Das Scheitern der Beziehung verarbeiten und neu starten – ohne Partner. Heutzutage ist man ja auf etlichen Plattformen verknüpft, die danach schreien genutzt zu werden, wenn man mal wieder einen Rückfall hat. So kann man, meiner Meinung, auch nicht weiterkommen, denn neugierig sind wir alle, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Ich gebe daher allen bei einer gescheiterten Beziehung den Tipp: Löscht euren Ex – und zwar überall. Was bringt euch das ewige Stalken eines Verflossenen? Genau, nämlich gar nichts. Man muss sich einfach eingestehen , dass es vorbei ist und das hatte einen Grund, warum sollte er sich ändern? Und wenn sich der Grund ändern sollte, dann schreibt ihn an, aber stalkt nicht.

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